Im Rahmen von Behind the Scenes - was steckt alles hinter einer Buchentstehung  haben wir vor einiger Zeit unsere Lektorin Christine Weber ausführlich befragt.

Wie sieht der Arbeitsalltag einer Lektorin aus, wie die Zusammenarbeit mit den Autoren, was sind die häufigsten und lustigsten Fehler in Manuskripten, wie ist die Entwicklung im Selfpublishing einzuschätzen, welche Entwicklungen zeichnen sich auf dem Buchmarkt bezüglich unterschiedlicher Genres ab?Hier nun die Antworten - Enjoy!

 

Behind the Scenes – Christine Weber

 

Lieben Dank Frau Weber, dass Sie sich Zeit für unsere Fragen nehmen. Viele passionierte LeserInnen interessiert, was alles hinter der Entstehung eines Buches steht. Ein zentraler Schritt, den beinahe jeder Roman vor der Veröffentlichung durchläuft, ist ein Lektorat. In Verlagen zumindest führt kein Weg daran vorbei. Nun steigt jedoch auch die Anzahl selbst verlegter Bücher beinahe täglich, und gerade »Rookies« auf diesem Gebiet stellen sich vermutlich viele Fragen, u. a.: Was macht ein Lektor genau? Was unterscheidet ein Lektorat von einem Korrektorat? Brauche ich so was auch? Wo findet sich der passende Lektor zu meinem Manuskript …? Wir freuen uns, dass Sie sich bereit erklärt haben, die Tätigkeit einer Lektorin ein wenig zu beleuchten.

 

Der Klassiker zuerst: Wie und warum sind Sie zur Lektorin geworden?

Schuld an allem sind meine Eltern, die meine Liebe zu Büchern schon gefördert haben, als ich noch in den Kinderschuhen (schwarzen Lackschuhen mit großen Schleifen) steckte. Ich liebte lange Vorlese-Abende, in der örtlichen Bibliothek fand ich unzählige Schätze und habe mich stundenlang in Buchläden herumgetrieben. Viele Lektoren sagen, sie wollten »irgendwas mit Büchern« machen, tatsächlich ist es so, dass viele den Schritt ins Lektorendasein auch erst spät über einen Quereinstieg wagen. Wichtig schien mir aber schon immer, dass man genau das tut, was man liebt.

Dank wirklich guter Deutschlehrer habe ich meine Zukunft frühzeitig in der Medienwelt gesehen, war aber als kreativer Menschenfreund hin- und hergerissen zwischen den Bereichen Literatur, Werbung/PR und Verhaltenserforschung, weshalb ich nach dem Abi in Leipzig Germanistik im Hauptfach, Soziologie sowie Kommunikations- und Medienwissenschaften (KMW) als Nebenfächer studierte – eine wunderbare Mischung, wie sich hinterher herausstellte, weil ich als Lektorin von diesen Fächern ungemein profitiere. Ein Semester Philosophiestudium hat mich ebenfalls geprägt und mein Interesse an aktiver Wissensvermittlung nur verstärkt.

Ein außergewöhnlicher Professor mit dem wunderbaren Namen Erdmann Weyrauch, dessen Liebe zu Büchern mich noch mehr angesteckt hat, ließ mich in die Tiefen der Buchwissenschaft eintauchen, sodass ich nach dem Studium Praktika und Volontariat in Leipziger und Münchner Verlagen anschloss. Seit Studienbeginn hatte ich die Sehnsucht, den inhaltlichen und sprachlichen Weg, den Bücher nehmen, selbst so kreativ wie möglich mitzugestalten, ohne selbst Autor sein zu müssen. Vor dem Autorendasein, was einkommenstechnisch sehr unsicher und hart sein kann, hatte ich nämlich Bammel, deshalb dachte ich mir: Setz ich mich doch einfach auf die »andere Seite« des Buches. Es gibt nicht viele Dinge auf der Welt, die damit vergleichbar sind, mit in treffende Worte verpackten Gedanken und Gefühlen Menschen erreichen zu können. Ich habe lange abgewogen, ob der Weg in die Freiberuflichkeit für mich der richtige ist, aber ich kann sagen: Unabhängiger zu sein und selbst entscheiden zu können, mit wem man zusammenarbeitet, sind den Aufwand wert, den die Selbstständigkeit mit sich bringt.

 

Was genau ist ein Lektorat? Und was ein Korrektorat? Gibt’s da überhaupt einen Unterschied?

Viele Leute glauben leider immer noch, dass ein Lektor tagein, tagaus nichts anderes macht, als Texte jeder Art vor orthografischen Fehlern zu retten. In der Tat ist ein Lektor eine Art Retter: Er hat sozusagen den Schwimmring, den er dem Autor zuwirft. Der Autor entscheidet aber selbst, ob er nach diesem Rettungsring greift oder nicht, er ist immer die letzte Instanz, wenn es um Entscheidungen am Text geht. In einem reinen Korrektorat lasse ich mich nicht so tief auf den Text ein, ich verbessere diesen tatsächlich »nur« hinsichtlich Grammatik und Zeichensetzung.

Ein Lektorat ist viel mehr als das, es ist eine Art Projektmanagement, ein tiefgründiger Austausch mit den Autoren (und auch den Verlagsverantwortlichen), weil der Text hier auch auf stilistischer, inhaltlicher Ebene optimiert wird, oft in mehreren Durchgängen. Ich recherchiere hier nicht nur inhaltliche Fakten wie Kleidungsstil oder die Sprache, die den Epochen entsprechen muss, sondern auch den logischen Handlungsverlauf, Spannungsbögen, Charakterdarstellung und atmosphärische Gestaltung im Text. Als Lektor muss man ein Auge für die richtige Verwendung sprachlicher Mittel und den Lesefluss haben, man prüft jedoch auch eingehende Manuskripte, erstellt möglicherweise Gutachten, gibt Hinweise zu Exposés oder Layout und muss stets den Buchmarkt im Blick haben.

 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Hier muss ich länger ausholen: Wenn ich sage, ich bin selbstständige Lektorin, lautet meist die erste Antwort: »Ach, wie toll, dann kannst du dir ja deinen Tag selbst einteilen und ausschlafen.« Das stimmt nur bedingt, denn Lektoren kommen oft spät ins Bett und stehen auch früh auf, wenn es der Job erfordert. Oft unterschätzen die Leute, was für eine Selbstdisziplin man an den Tag legen muss, um sich als Freiberufler über Wasser halten zu können, denn man hat weder ein Fixgehalt, auf das man sich blind verlassen kann, noch Chefs, die einen regelmäßig mit Arbeitsaufträgen versorgen. Wer erfolgreich selbstständig sein möchte, muss Akquise, Buchhaltung, Vertragsabwicklung, Absicherung über Versicherungen und vor allem die Kundenpflege allein in die Hand nehmen, dabei stets die Branche und aktuelle Entwicklungen im Blick behalten und sich in sozialen Netzwerken bewegen. Jede Woche bringt neue Aufgaben, abwechslungsreiche Texte, aber auch Ideen und Austausch mit sich.

Ich habe einen routinierten Arbeitsalltag, der mir zwar je nach Auftragslage einige Freiräume ermöglicht, aber um das wöchentliche Pensum zu schaffen, auch ein hohes Maß an Disziplin, Verantwortung und Motivation abverlangt. Mein Morgen verläuft entspannt, um gut gelaunt in den Tag zu starten; dazu gehören immer ein Morgenkaffee und ein wenig Musik. Spätestens um neun Uhr sitze ich am Schreibtisch, sichte bis maximal um zehn erste Korrespondenz, Netzwerke und checke Neuigkeiten der Branche. Die Zeit bis zum Mittag ist oft kleineren Aufträgen, Angebotserstellungen oder dem Sichten eingehender Manuskripte vorbehalten. Läuft gerade ein großer Lektorats- oder Korrektoratsauftrag, kann es aber auch schon vor dem Mittag auf jede Stunde ankommen, die man sich mit dem Text befasst; hierfür erstelle ich meist konkrete Pläne, wie viele Seiten ich täglich schaffen möchte, weil man ja auch Abgabefristen einhalten oder auch mal Eilaufträge erledigen muss.

Eine Stunde Mittagspause zwischen eins und zwei ist bei mir immer Pflicht, ich tanke dann Sonne, gehe spazieren oder einkaufen, telefoniere oder sitze auch mal einfach nur mit einer Zeitung auf dem Balkon. Da ich von daheim aus arbeite, habe ich ein eigenes Büro, um eine Konzentration fördernde Atmosphäre zu schaffen. Ich arbeite nahezu nie auf der Couch im Wohnzimmer, wie viele manchmal irrtümlich glauben.

Nach dem Mittag sitze ich meist mit wenigen kleineren Entspannungspausen, die der Rückengesundheit dienen, mehrere Stunden an aktuellen Projekten, recherchiere, gehe auch Bearbeitungen der Autoren durch und erstelle eigene Aufzeichnungen, die bei Lektoraten wie Biografien oder Texten mit vielen handelnden Personen und auch bei Gesprächen mit Autoren hilfreich sind. Akquise, Vorbereitungen für Messen und Literaturtreffs sowie die Buchhaltung und steuerliche Dinge sind Punkte, die ich mir meist für den Tagesausklang aufhebe, sofern nachmittags keine Treffen mit Autoren oder Verlagskontakten oder beispielsweise Videokonferenzen, was auch vorkommen kann, anstehen. Dass man heutzutage als Lektor auch technisch auf aktuellem Stand sein muss, beispielsweise über Cloud-Dienste oder verlagsspezifische Tools arbeitet, und sich auch selbst um die eigene Fortbildung kümmern muss, versteht sich von selbst.

Mein Tagespensum umfasst täglich mindestens acht Stunden, es gibt aber keine Uhrzeit, an der man sofort den Stift fallen lassen kann; manchmal schiebt man als Freiberufler aber auch Wochenend- und Feiertagsschichten ein, weil nicht alle Projekte immer realistisch planbar sind. Ich versuche aber, spätestens gegen 18 Uhr, wenn mein Mann nach Hause kommt, fertig zu sein – und zwar nicht mit den Nerven. Zusatzschichten versuche ich, der eigenen Gesundheit zuliebe so gering wie möglich und wenigstens die Urlaube arbeitsfrei zu halten.

Ich würde derzeit meine »kleine Freiheit« nicht mit einer festen Lektoratstätigkeit in einem Verlag tauschen wollen, sondern überlege eher, mein Portfolio auszubauen, z. B. die Arbeit mit Satzprogrammen oder Workshops für Autoren anzubieten. Der schönste Lohn für mich ist, wenn der Autor am Ende mit seinem Buch hundertprozentig zufrieden ist, meine Arbeit lobt, mich weiterempfiehlt oder ich ein selbst bearbeitetes Buch in der Buchhandlung liegen sehe.

 

Wie viele Projekte betreuen Sie durchschnittlich im Jahr?

Das lässt sich pauschal so nicht sagen, da die Dauer der Betreuung vom Umfang der Texte und von den Kundenanforderungen abhängt. Manchmal fertige ich drei Korrektorate die Woche an und lektoriere gar nichts, schiebe aber kleinere Aufträge für Unternehmen (z. B. die Überarbeitung von Homepages, Katalogen und Zeitschriften oder die Erstellung von Bewerbungsunterlagen) ein. Ich schätze, dass ich im Jahr ca. sieben bis zehn größere Lektoratsprojekte für Autoren und Verlage betreue, die allesamt mehrere Wochen Bearbeitungszeit in Anspruch nehmen.

 

Erklären Sie doch bitte einmal den Prozess des Lektorierens.

Hierbei gibt es große Unterschiede, da bei manchen Verlagen nur ein einzelner Bearbeitungsdurchgang ausreicht, ich in direkter Zusammenarbeit mit Autoren aber gern intensiver am Text feile, weil man so deutlich mehr aus einem Manuskript herausholen kann. Ich biete dann ein dreistufiges Bearbeitungsmodell an: Im ersten »Modul«, wie ich es nenne, mache ich mich mit dem Text vertraut, lese ihn einmal ganz durch und befasse mich Stück für Stück allein mit logischen und inhaltlichen Aspekten, die der Autor anhand meines Feedbacks und der Kommentare am Text bearbeitet. Die ganze Zeit über arbeiten wir direkt zusammen, tauschen (oft auch bei persönlichen Treffen) offene Fragen aus und stimmen vorab klar unsere Vorstellungen aufeinander ab.

Im zweiten Modul erfolgt die Feinabstimmung, die Bearbeitung beinhaltet die Durchsicht der veränderten/ergänzten Textteile und das Detaillektorat: Tilgung auffälliger Redundanzen, Überprüfung der korrekten Verwendung stilistischer Mittel und Optimierung stilistischer Auffälligkeiten, Glättung des Leseflusses, Vereinfachung von sehr kompliziert formulierten Sätzen, Detailprüfung der sprachlichen Angemessenheit in Dialogen und Rechtschreibprüfung. Alle Änderungen sind hierbei jedoch nur Vorschläge, ich greife nicht in den Stil des Autors ein, verfasse keine Textabschnitte selbst oder streiche größere Szenen, ohne mich hierzu mit dem Autor abzusprechen.

Im dritten Durchgang werden die vom Autor bearbeiteten Teile durchgeschaut und noch offene Fragen geklärt. Häufig wird ein Schlusskorrektorat durchgeführt.

 

Das Lektorat von Stonebound gestaltete sich nach unserem Empfinden ja recht zügig. Wie viel Zeit sollte ein Autor ungefähr für ein Lektorat anberaumen?

Ein Lektorat mit mehreren Hundert Normseiten erfordert eine mehrwöchige Bearbeitungszeit. Kleinere Manuskripte sind in einer Woche oder 14 Tagen durchgesehen. Da die Optimierung immer auch abhängig davon ist, wie viel Zeit dem Autor zur Verfügung steht, ist das Lektorat manchmal erst nach zwei oder drei Monaten fertiggestellt. Befindet sich der Autor noch im Schreibprozess, kann ich ihm aber auch schon unter die Arme greifen, manche Kreative bevorzugen diese Art der Zusammenarbeit, weil sie hier schon peu à peu vom Lektor lernen und sich auch von ihm oder ihr motivieren lassen. Ich sehe aber den Vorteil darin, schon genau zu wissen, wie sich Charaktere und Handlung entwickeln.

 

Verlags-Autoren, Selbstverleger, Hobbyschreiber – wer sucht Ihren Rat und macht es einen Unterschied, für wen Sie arbeiten? Gibt es aus der Sicht Ihrer Arbeit überhaupt einen wesentlichen einen Unterschied zwischen Verlagsautoren und Selfpublishern? Und wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen einem  Autor und einem Lektor genau vorstellen?

 

Prinzipiell vereint sie alle dasselbe Ziel: ihre Gedanken zu teilen und Menschen damit bewegen oder Wissen vermitteln zu wollen. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass die Zusammenarbeit mit Selfpublishern oft viel intensiver ist, weil man sich hier einfach viel mehr Zeit für die Texte nehmen kann. Die Ansicht, dass Autoren, die ihre Bücher selbst verlegen, weniger Schreibtalent mitbringen, ist in meinen Augen veraltet, weil mittlerweile deutlich mehr dazugehört als nur Talent, um bei einem Verlag unterzukommen – viele Autoren entscheiden sich mittlerweile auch bewusst dagegen. Natürlich merkt man als Lektor, wer sein Handwerk versteht, was auch für meine Arbeit eine enorme Erleichterung ist.

Grundsätzlich versuche ich immer, genau abzuklären, wie sich der Autor eine Zusammenarbeit vorstellt, gebe hierbei vorab einen Einblick in meinen Erfahrungsschatz. Es gibt beispielsweise auch sehr schüchterne Schreiberlinge, die gern nur per Mail kommunizieren, ich passe mich da immer an. Manchen reicht ein Grundlektorat, andere wollen so viele detaillierte Hinweise wie möglich. Jedes Buchprojekt ist deshalb einzigartig, jeder Autor ist anders. Einem Lektor verlangt das viel Flexibilität und Wandlungsfähigkeit ab. Aber Selfpublisher müssen sich bewusst sein, dass hinter ihnen keine Verlags-Marketingmaschinerie stehen wird. Wichtig ist, dass beide Seiten zu jeder Zeit offen und ehrlich sind – genau genommen ist die Ansicht, die Zusammenarbeit in »zwei Seiten« einzuteilen, schon falsch – und kommunizieren, sobald es Fragen gibt.

 

Worauf legen Sie besonders viel Wert beim Lektorieren?

 

Darauf, dass Autoren erkennen, dass ich ihnen nichts vorschreibe, sondern dasselbe Ziel verfolge wie sie: aus dem Text das Bestmögliche herauszuholen.

 

Wie weit ist der Schreibstil Sache des Autors? Wo „muss“ man als Lektor eingreifen?

 

Der Schreibstil ist immer Sache des Autors, hieran gibt es nichts zu rütteln. Ein Lektor ist ein Lektor, sonst wäre er Autor geworden. Aber es gibt eine Voraussetzung für ein erfolgreiches Lektorat, das einen Text wirklich optimiert: Wer seinen Text von mir lektorieren lässt, muss offen sein für Hinweise und diese niemals als Kritik an sich selbst verstehen. Wer sein Manuskript in die Hände eines Lektors gibt, sollte stets bereit sein, auch etwas zu verbessern. Ein Lektor ist im Idealfall jemand, der sein Handwerk versteht und selbst genau abwägt, wo er eingreift oder warum er eine bestimmte Frage stellt. Ich zwinge aber niemanden, etwas umzusetzen, was er nicht will. Der Autor hat immer das letzte Wort, ich kann nur Argumente anführen und zum Nachdenken anregen. Ich bin bekannt dafür, lieber dreimal als nur zweimal hinzusehen und es ganz genau zu nehmen, besonders Logikfehler, falsch oder gar nicht recherchierten Fakten, falsche stilistische Mittel oder unbeabsichtigte Wortwiederholungen kann ich natürlich nicht überlesen. Aber ich mache mir immer selbst bewusst, wo meine Grenzen als Lektor liegen.

 

Was sind die häufigsten Fehler, die Romanautoren machen?

 

Jeder Autor hat seinen eigenen Schreibstil, als Lektor merkt man aber oft, dass sprachliche Mittel noch nicht korrekt eingesetzt werden, sich Autoren zwar auf die Handlung konzentrieren, aber kleinen Details wie der realistischen Umsetzung bestimmter Bewegungen oder epochenspezifischen technischen Voraussetzungen nicht den Wert beimessen, der wichtig ist. Manchmal sieht man eben auch den bekannten Wald vor Bäumen nicht. Hier kommt der Lektor ins Spiel.

 

Was waren die lustigsten Fehler, die Sie so in den Manuskripten gefunden haben?

Ich führe eine Art Tagebuch, in das ich die lustigsten Verschreiber notiere, die mich zum Lachen bringen. Da stolpere ich über Speermüll oder über Leute, die sich in brezligen Situationen auf den Versen sind, bis sie vom Krakenwagen abgeholt werden und zu Kommapatienten werden. Aber ich muss auch schmunzeln, wenn jemand die Hände fallen lässt, den Kopf zur Seite legt oder seine Augen wandern lässt. Ja, als Lektor erleidet man schon Quallen … J

 

Muss ein Lektor oder Korrektor jeden Fehler finden? Und wie viel schaffen Sie am Stück zu lesen bzw. zu überarbeiten, ohne offensichtliche Fehler zu übersehen?

Ein Lektor ist auch nur ein Mensch. Und zwar einer, der kein Wörterbuch gefuttert hat. Mein Ziel ist es stets, möglichst alle Fehler auszumerzen, wenn ein Korrektorat gebucht ist, aber wenn man in großen Manuskripten Tausende Fehler findet, übersieht man auch mal einen Buchstabendreher. Deshalb geben Verlage nach einem Lektorat die Manuskripte meist auch noch einmal in ein Korrektorat. Jedem Autor sollte aber klar sein, dass es im Lektorat vorrangig um eine inhaltliche Überarbeitung geht. Ich finde es auch hilfreich, wenn Autoren mit aktuellen Rechtschreibregeln vertraut sind. Dem Argument, dafür gebe es doch Korrektoren, kann ich nichts abgewinnen, weil ich der Meinung bin, dass zum Schreiben sowohl die Inhaltsvermittlung als auch Wissen darüber gehören, wie man diese korrekt verpackt.

 

Welche Genres lektorieren Sie am liebsten? Welches Genre macht vielleicht weniger Spaß?

Ich lektoriere am liebsten spannende Manuskripte, momentan viel Fantasy, tauche aber auch gern in vergangene Zeiten historischer Romane oder Biografien ein. Das ist das Allerbeste an meinem Job: Ich selbst entdecke mit jedem Manuskript Neues. Sehr ungern bearbeite ich Liebesszenen, die sprachlich ganz schlecht umgesetzt sind.

 

Welche Genres haben Ihrer Meinung nach auch in Zukunft große Chancen auf dem Buchmarkt? Welche Themen haben den Markt bereits überflutet und welche funktionieren vielleicht immer?

Ich fühle mich von Gesundheitsratgebern erschlagen, in denen inhaltlich nicht viel Neues vermittelt wird, ebenso wie von Jugendbüchern, in denen es um sterbenskranke Jugendliche geht, die Handlungsstränge sich aber oft ähneln.

Das Interesse an Fachbüchern steigt, weil man immer mehr Wissen in möglichst immer kürzerer Zeit aufnehmen muss. Ich finde die positive Entwicklung im Kinder- und Jugendbuchbereich erfreulich, scheinbar wird hier auch wieder mehr Wert auf qualitativ gut gemachte Bücher mit wunderbaren Illustrationen gelegt. Dass verstärkt Klassiker neu aufgelegt werden, ist eine tolle Entwicklung. Ich bin aber auch überzeugt, dass das Interesse an allen belletristischen Genres, die uns Ablenkung im zunehmend stressigen Berufsleben bieten, wohl niemals abflauen wird. Sich als Autor heutzutage in den Bereichen Erotik und Fantasy in der Masse an Büchern durchzusetzen und sich vor allem langfristig zu etablieren, erfordert viel Sprachgefühl.

 

Haben Sie schon einmal ein Manuskript abgelehnt? Wenn ja, warum?

Bevor ich einen Lektoratsauftrag annehme, kläre ich ab, ob die Vorstellungen des Kunden mit meinen konform gehen. Ist das gar nicht der Fall oder behandelt ein Manuskript z. B. politische Inhalte, die ich so nicht vertreten kann, lehne ich einen Auftrag ab, was aber selten vorkommt. Ob ich ein Lektorat zusage, ist natürlich auch davon abhängig, ob ich für die Bearbeitung genügend Zeit einplanen kann. Bei Selfpublishern nehme ich vorab Einblick in das Manuskript, und glücklicherweise bin ich mittlerweile auch in der Lage, entscheiden zu können, ob mir der Schreibstil oder die Thematik zusagen.

 

Wonach richtet sich der Preis eines Lektorats?

Von drei Faktoren: dem Umfang, der zu erwartenden Bearbeitungszeit und den individuellen Vorstellungen darüber, was genau gemacht werden soll. Deshalb kann auch kein Preisangebot abgegeben werden, ohne sich vorher genauer mit dem Kunden auszutauschen. Vielleicht hinkt der Vergleich, aber man kauft auch kein Auto, ohne zu wissen, was für eines das ist. Ich vertrete die Ansicht, dass man für gute Leistung auch gut bezahlt werden muss, lehne Dumpinglohn, aber auch überzogene Honorare ab, die sich gerade Selfpublisher nicht leisten können.

 

Welche Tipps würden Sie einem unbekannten Autor geben, der ein Manuskript an einen Verlag schicken möchte?

Das ist eine schwierige Frage, ein Lektor ist kein Literaturagent. Prinzipiell rate ich jedem Autor, folgende Dinge sicherzustellen: Ist der Text in einer Form, die angemessen für eine Verlagsbewerbung ist? Haben Sie sich schlau gemacht über Vorgaben, was Exposé und Anschreiben angeht? Prüfen Sie vor jeder Verlagsbewerbung, ob Ihr Text wirklich in das Programm des Verlages passt. Lassen Sie sich nicht entmutigen, planen Sie ein, dass Sie viele (auch unbegründete) Absagen erhalten. Einen Plan B im Hinterkopf zu haben und sich über Literaturagenturen und Möglichkeiten im Bereich Selfpublishing zu informieren, kann nie schaden.

 

Was macht das Manuskript aus, das Sie überzeugt?

Der Inhalt. An der Form kann man mehr feilen, aber die Idee muss zünden und durchdacht sein.

 

Haben Sie unter den von Ihnen lektorierten Romanen ein besonderes Lieblingswerk?

Unter den Texten, die schon auf meinem Schreibtisch gelandet sind, zählen die zu meinen Lieblingswerken, die ich selbst auch verschenken würde. Stonebound gehörte aufgrund der herzlichen Zusammenarbeit mit Frau Hoyos definitiv dazu, weil ich selbst auch unglaublich viel Spaß an der Bearbeitung hatte. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir aber auch ein sprachlich-stilistisch total abgefahrener Krimi eines Österreichers, eine Highland-Saga und ein aufregendes Manuskript um venezianische Vampire.

 

Leben Sie während Ihrer Tätigkeit auch in den Geschichten ähnlich mit wie ein Leser oder wie der Autor? Oder grenzt man sich als Lektor ab, um nicht die Objektivität zu verlieren?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Da ich Buchprojekte immer mit Leidenschaft betreue, tauche ich auch tief in die Geschichte ein. Das ist auch nötig, weil ich als Lektor die Figuren nahezu genauso verstehen muss wie die Autoren. Aber ich betrachte alles trotzdem mit einer professionellen Distanz, mehr auf sprachlicher Ebene, aus Sicht des Lesers, der den Text kaufen soll und das ein oder andere vielleicht kritischer sieht als der Autor im Entstehungsprozess. Ich genieße das Gefühl, wenn eine Geschichte rundum perfekt abgeschlossen ist, ganz besonders, weil auch mir Figuren manchmal ans Herz wachsen.

 

 

Wie schätzen Sie die Entwicklung des Selfpublishings ein?

Selfpublishing in Deutschland hat sich in den letzten Jahren enorm professionalisiert, auch im internationalen Vergleich. Die Möglichkeiten, die sich Autoren und Lesern hier bieten, eröffnen eine völlig ungeahnte Vielfalt, mit der vor zehn Jahren noch niemand wirklich gerechnet hätte. Marketing für Selfpublisher nimmt einen völlig neuen Stellenwert ein, und selbst verlegende Autoren erkennen zunehmend den Wert externer Dienstleister, um ihre Werke zu optimieren. Auch die Leser werden verstärkt in die Vor-Produktion einbezogen, weil die Ansprüche ans eigene Werk steigen. Glücklicherweise profitiert mittlerweile auch der stationäre Buchhandel mehr und mehr vom Selfpublishing und bietet hierfür mehr Präsentationsplatz an, nach Qualitätskontrollen, versteht sich. Es ist an der Zeit, zu erkennen, welches Potenzial viele verlagsunabhängige Autoren haben. Dass nicht jeder Text bei der Flut an Manuskripten Platz in Verlagsprogrammen findet, ist nur natürlich. Umso wichtiger ist es, Angebote für diese Art des Buchverlegens verstärkt zu fördern, Wege für selbst verlegte Printprodukte in den Buchhandel zu öffnen, aber auch, für faire Rahmenbedingungen für alle Urheber und externe Dienstleister zu sorgen. Das Buch ist eines der wichtigsten Kulturgüter, die wir haben.

 

Gibt es etwas, dass Sie vielleicht gerade Selfpublishern mit auf den Weg geben möchten?

Seien Sie realistisch, ehrlich und bereit, Unterstützung entsprechend zu würdigen. Schärfen Sie Ihr Autorenprofil, solidarisieren Sie sich, aber vor allem: Professionalisieren Sie sich! Der Weg zu einem sehr guten Buch ist lang, aber er lohnt sich.

 

Link zur HP:

www.textomio.de

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